Fräulein Immerglück

Gelesen: Aller Tage Abend

P1000611Wie wäre das Leben verlaufen, wenn ein einziges aber entscheidendes Ereignisse nicht eingetroffen wäre? Mögliche Antworten auf diese Frage spielt Jenny Erpenbeck im Roman „Aller Tage Abend“ in verschiedenen Szenarien für ihre Protagonistin immer wieder durch. Das jeweilige „einzige Ereignis“ ist dabei so entscheidend, dass es in den verschiedenen Kapiteln zum Tod der Hauptperson führt.

Im ersten Kapitel läuft die Protagonistin, ein 1902 in Galizien geborenes jüdisches Mädchen, noch als Säugling blau an und erstickt. Die verzweifelte junge Mutter wird wieder zur Tochter und zieht bei ihrer eigenen Mutter ein, nachdem sie vom Ehemann verlassen wird. Dann gibt es ein Zwischenkapitel, in dem die Autorin die literarische Rewind-Taste drückt und die entscheidende Szene mit einer alternativen Handlung der Mutter schildert, die ihr Baby durch beherztes Eingreifen vor dem Tod retten kann. Im nächsten Kapitel ist aus dem Baby ein Mädchen geworden, das nun als Teenager in Wien Selbstmord begeht. Wieder wird beschrieben, welche Lücke der Tod in ihrem Umfeld hinterlässt, wie das Leben weiter geht – und wieder folgt ein Zwischenkapitel, das eine Alternativhandlung aufzeigt, in der es nicht zum Tod kommt. So geht es immer weiter, aus dem Mädchen wird eine politisch engagierte Frau, eine Mutter, eine ältere Dame – bis die Protagonistin am Ende schließlich 1990 im hohen Alter in einem Altenheim in der DDR stirbt. Die fünf in sich geschlossenen Bücher des Romans beschreiben so ein jüdisches Schicksal im 20. Jahrhundert. Die Protagonistin flieht vor dem Nationalsozialismus in Wien nach Moskau, engagiert sich politisch, flieht erneut und wird schließlich eine berühmte Schriftstellerin in der DDR.

Nachdem ich von der ungewöhnlichen Erzählweise des Romans „Quasikristalle“ so begeistert war, hatte ich mich auf das von Kritikern hochgelobte Buch „Aller Tage Abend“ besonders gefreut. Auch bei diesem Roman handelt es sich um die Lebensgeschichte einer Frau, die in Form von Episoden und einer nicht ganz klassischen Herangehensweise geschildert wird. Doch obwohl das Leben von Jenny Erpenbecks Protagonistin wesentlich unkonventioneller verläuft als das von Xane Molin in „Quasikristalle“ und ich das Buch gern gelesen habe, hat es mich nicht so sehr vom Hocker gerissen. Ich bin mit der Sprache der Autorin nicht ganz warm geworden und habe nach jeder Lesepause erst einmal ein wenig gebraucht, um mich wieder in den Stil einzulesen. Zudem hat die Hauptfigur für mich kaum Identifikationspotenzial geboten. Zum Teil mag das daran liegen, dass die Protagonistin fast während des gesamten Buches namenlos bleibt, wie übrigens ein Großteil der anderen Personen auch. Nur ein einziges Mal wird sie beim Namen genannt, nämlich ganz am Schluss, beim letzten und finalen Tod des Buches. Unter anderem dadurch ist eine gewisse Distanz beim Lesen geblieben. Vielleicht war das so gewollt, aber bei mir hat es dazu geführt, dass aus dem potenziellen „ziemlich toll“ als Fazit ein „coole Idee, aber nicht der Überwahnsinn“ geworden ist.

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