Fräulein Immerglück

Gelesen: Die Arglosen/The Innocents

P1000306Rachel und Adam leben im wohlhabenden Norden Londons und sind bereits seit zwölf Jahren ein Paar, als sie beschließen zu heiraten. Adam arbeitet in der Kanzlei seines zukünftigen Schwiegervaters, das Paar ist sehr aktiv in der jüdischen Gemeinde und die beiden haben einen großen gemeinsamen Freundeskreis – alles scheint perfekt. Dann kehrt Rachels Cousine Ellie aus New York zurück nach London – wild, verletzlich, schön und gewissermaßen das schwarze Schaf der Familie. Aufgrund einer Rolle in einem Film, den Ellie als Art-House, der Dekan ihrer Uni jedoch als pornographisch eingestuft hat, ist sie erst kürzlich von der Columbia verwiesen worden und kann mit Anfang zwanzig bereits auf einige Beziehungen zu verheirateten Männern zurückblicken. Anfangs ist Adam von Ellie und ihrer unkonventionellen Lebensweise abgestoßen und gleichzeitig fasziniert. Als er ihr als Anwalt zur Seite stehen soll (eine alte Affaire, die zum Skandal zu werden droht), lernt er sie besser kennen. Trotz aller Unterschiede verbindet die beiden eine ähnliche Kindheit, denn sowohl Ellie als auch Adam sind früh Halbwaisen geworden.

Mit der Zeit merkt Adam zu seinem eigenen Entsetzen, dass er sich in Ellie verliebt. Sie ist in jeder Hinsicht das Gegenteil von der adretten, durchorganisierten, traditionsbewussten Rachel und bringt Adam dazu, sein Leben in Frage zu stellen. Er empfindet seine vorgeplante und von Regeln durchdrungene Zukunft immer stärker als Korsett und steht plötzlich vor einem Dilemma: Geborgenheit oder Freiheit? Dass Adam wirklich alles hinschmeißt, um mit Ellie durchzubrennen, konnte ich mir beim Lesen kaum vorstellen. Denn bei aller Faszination für ein Leben außerhalb seines Mikrokosmos ist er in seinem Umfeld so tiefverwurzelt – und eigentlich ja auch zufrieden -, dass es unwahrscheinlich für ihn scheint, dies alles aufzugeben. Dann aber gibt es immer wieder diese „Er-tut-es-wirklich“-Momente, die die weitere Handlung doch wieder offen erscheinen lassen. Wie er sich nun entscheidet, werde ich hier natürlich nicht verraten!

„The Innocents“ ist gute Unterhaltungsliteratur, die man ungern wieder aus der Hand gibt, wenn man einmal angefangen hat. Der Roman gibt viele Einblicke in das heutige jüdische Leben, die mal liebevoll, mal ironisch sind.  So wird beispielsweise der Hintergrund für den Großteil jüdischer Feiertage so beschrieben: They tried to kill us. We survived. Let´s eat. Von Zeit zu Zeit verliert Segal sich ein wenig in Subplots oder Details, die für die Handlung eigentlich nicht relevant gewesen wären, als wirklich störend habe ich das aber nicht empfunden. Was ihr meiner Meinung nach sehr gut gelungen ist, ist die Beschreibung von Rachel durch Adams Augen: Zunächst als seine perfekte zukünftige Ehefrau, später bekommt dieses Bild Risse, und er ist mehr und mehr von ihrer naiven Art und der konservativen Einstellung genervt (man fragt sich als Leser ein wenig, warum ihm das so spät auffällt). Und auch, wenn alle drei Hauptcharaktere einige unsympathische Seiten zeigen, fühlt man mit jedem einzelnen mit.

Falls ihr übrigens über den Nachnamen „Segal“  gestolpert seid und gedacht habt „Moment, heißt so nicht auch der Typ, der ´Love Story´ geschrieben hat!“: Francesca Segal ist seine Tochter und bereits seit einigen Jahren als Journalistin unterwegs. The Innocents ist ihr Debüt-Roman, mal schauen, was noch so von ihr kommt.

Auf deutsch ist der Roman als „Die Arglosen“ bei Kein & Aber erschienen und sieht so aus:

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Bildnachweis: Foto 1 – eigenes Bild, Foto 2 – Kein & Aber 

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