Fräulein Immerglück

Gelesen: Die Fahrt

P1010709Irgendwie lande ich in letzter Zeit ziemlich häufig bei Episodenromanen. Einer, der mir empfohlen wurde und es mir ganz besonders angetan hat, ist „Die Fahrt“ von Sibylle Berg, einem Roman über das Reisen, den ich passender Weise auf meiner Reise gelesen habe.  In 79 Kapiteln begegnet man verschiedenen Figuren, von denen einige im Verlauf des Romans immer wieder eine Rolle spielen, so dass man deren Geschichte mit verfolgen kann. Manche kommen nur ab und an vor und tauchen auf, bevor man sie fast wieder vergessen hat, wieder andere werden nur einmal erwähnt. Zwischen vielen der Personen kommt es zu mindestens einer Begegnung, die hin und wieder auch länger währt. Da man vorher nicht weiß, wer eher zur einer der Hauptpersonen wird und wer sich wie begegnet, ist der Roman wenig vorhersehbar (und sehr mitreißend!).

Was die meisten der 36 Protagonisten gemeinsam haben: Sie befinden sich auf irgendeiner Form der Reise, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Beweggründen. Die Figuren sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, Entspannung, der Liebe oder der eigenen Individualität und landen dabei häufig in ziemlich furchtbaren Situationen oder Orten fern der Heimat. Als Leser trifft man auf viele „Reisetypen“, die einem auch aus dem wirklichen Leben nicht ganz unbekannt sind. Von älteren Damen, die noch mal was erleben wollen, über zur Reise überredete und mit der Exotik vollkommen überforderte Menschen, Öko-Touristen oder Aussteiger bis hin zu zwanghaften Individualisten, die unbedingt das „ECHTE“ Land kennen lernen wollen und aus ihrer Reise-Art eine Lebensphilosophie machen.

Ob ein Porno-Starlet in Hong Kong, eine reiche alte Dame in der Schweiz oder eine junge Slumbewohnerin in Bangladesh: Durch die vielen verschiedenen Schicksale und Orte auf der ganzen Welt bleibt der Roman von der ersten bis zur letzten Seite spannend. Es gibt immer wieder unerwartete Wendungen, was angesichts der Schrecklichkeit mancher Situationen für den Leser manchmal ganz erholsam ist. Vor allem aber sind die Figuren und Szenarien sehr treffend beschrieben, manchmal traurig, oft lustig und immer wieder bitterböse. Viele Sätze sind so gut geschrieben, dass man sie gleich zweimal lesen möchte. „Die Fahrt“ gehört auf jeden Fall zu meinen Lese-Highlights des letzten Jahres.

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