Fräulein Immerglück

Gelesen: Anatomie einer Nacht

P1010913Eine Selbstmord-Epidemie während einer Spätsommer-Nacht in Amaraq, einem fiktiven Ort in Grönland: Innerhalb von fünf Stunden nehmen sich elf Menschen ohne Vorwarnung das Leben. Die Opfer scheinen auf den ersten Blick nichts oder nur wenig miteinander zu tun haben, die Motive für die Suizide erschließen sich nicht immer auf den ersten Blick. Durch Rückblenden und Erinnerungen der Protagonisten – und manchmal irritierend schnelle Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie der unterschiedlichen Perspektiven – entsteht nach und nach ein zusammenhängendes und ziemlich komplexes Beziehungsgeflecht. Man erfährt mehr über die Hintergründe und Schicksale der Einwohner von Amaraq, teils werden im Laufe der Geschichte dabei überraschende Zusammenhänge offen gelegt. An einigen  Stellen wird es – surprise! – ziemlich ungemütlich, dennoch gab es keine Passage, an der ich nicht hätte weiter lesen wollen.

Das mag nicht zuletzt an der Sprache von Anna Kim liegen, die gleichzeitig sachlich und sehr poetisch ist – einige Sätze sind fast schon kleine Kunstwerke. Manchmal gehen diese auch mal über eine halbe Seite, aber das tut dem Buch meiner Meinung nach keinen Abbruch. „Anatomie einer Nacht“ ist nicht nur dadurch kein Buch für zwischendurch: Die einzelnen Geschichten der Opfer sind oft nur durch kleine Details mit einander verbunden, und man muss beim Lesen schon verdammt gut aufpassen, damit sich das große Ganze erschließt. Wie gut, dass es am Anfang des Romans eine Liste mit allen Protagonisten gibt, die habe ich einige Male zur Orientierung gebraucht!

Über die eigentliche Geschichte hinaus schildert die Autorin die einsame und melancholische Landschaft Grönlands und bringt Sagen und Geschichten der Inuit in den Roman ein, so dass man als Leser tiefer in das „Setting“ der Geschichte eintauchen kann.

„Jede versäumte Gelegenheit, sagt man in Amaraq, ist ein kleiner Tod“, heißt es in dem Buch – die Gelegenheit, „Anatomie einer Nacht“ zu lesen, sollte man auf keinen Fall versäumen, denn es ist ein faszinierender und wirklich großartiger Roman!

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